Michael Liermann von Opus Furore: „Tricks müssen nicht schwierig sein, sie müssen schwierig aussehen!“

Ende September 2011 war ich zum ClownMime Festival in Korea geladen. Neben anderen guten Künstlern war auch das deutsche Duo „Opus Furore“ am Start. Michael Liermann ist einer der beiden Draufgänger und hat nicht nur beim Publikum für strahlende Gesichter gesorgt. Micha ist ein Vollblutentertainer und kommt aus dem Schwarzwald. Damals kam er zum ersten Mal in der jungen Gemeinde mit Jongleuren in Kontakt und beginnt diese Kunst als Hobby.

Im Alter von 14 Jahren spielt er zusammen mit Michael Braun und Alex Rosenstihl die ersten Straßenshows. Die Sommerferien verbringen die Freunde auf einer Fahrradtour um den Bodensee und finanzieren sich mit den Shows den Urlaub. Das Geld ist alle und die 3 Jungs wissen nicht wo sie schlafen sollen. Als tüchtige katholische Ministranten steuern sie die nächste Kirche an und fragen nach Unterkunft. Die wird ihnen verwehrt. Schwer enttäuscht fragen sie in einer evangelischen Kirche nach und dürfen dort schlafen.

Zwei Sachen hat Micha aus dieser Geschichte gelernt. Erstens, jeden Menschen muss man nach seinen Taten bewerten und es ist nicht ratsam, sein komplettes Geld zu versaufen. Beim zweiten Punkt gibt es noch Nachholbedarf :)

Nach ihrem Diplom zum Thema Straßenkunst tritt das Duo „Opus Furore“ bestehend aus Michael Liermann und Michael Braun weltweit sehr erfolgreich auf.

Nach unserer Korea-Tour habe ich mich mit Michael Liermann noch einmal zusammengesetzt und über Straßenshows gesprochen. Hier ist das Ergebnis:

Wie ist Eure Show Aufgebaut? Gibt es eine Struktur?

Michael Liermann: Am Anfang jeder Show steht das „Crowd pulling“ also Menschen bekommen. Danach gibt es eine normale Dramaturgie: Ein konkreter Anfang, Begrüßung und Vorstellen der Charaktere. Ein Streitgespräch wird als Steigerung benutzt, die in einer Fechtsequenz wie man sie bei den Musketieren aus Filmen kennt, endet. Publikumsbeteiligung ist sehr wichtig. Ein Charakter wird entwaffnet. Eine Person aus dem Publikum soll den Kampf jetzt fortführen.

Wenn das mal gut geht: Messer durch die Beine

Wir bauen immer wieder solche kleine Höhepunkte ein. Die Leute wissen nicht was passiert. Der „Freiwillige“ steht auf 2 Hockern. Wir jonglieren mit 6 Keulen. Dann steigern wir die Geschichte wieder indem wir zu 6 Messern wechseln. Höhepunkt ist, dass wir ein Messer durch die Beine des Freiwilligen jonglieren.

Michael Braun sorgt für Ruhe

Wie geht‘s dann weiter?

Michael Liermann: Unsere Show ist teilbar. Das ist wichtig weil es Veranstalter gibt, die mehrere Blöcke haben wollen. An dieser Stelle könnte man die Show beenden. Wenn wir die lange Version spielen geht es so weiter: Das große Finale ist mit unserer „freiwilligen“ Assistentin „Mademoiselle Hollandaise“. Ein Mann wird als Prinzessin verkleidet. Natürlich spielen wir mit seiner Männlichkeit. Das ist lustig wenn er mitspielt und lustig wenn er nicht mitmacht. (lacht)

Die „Prinzessin“ steht auf einen Thron während wir auf zwei Meter hohen Einrädern fahren. Der andere Micha und ich jonglieren 6 brennende Fackeln um ihren Kopf. Hier ist die Steigerung das Feuer.

Für die Zuschauer ist es immer interessant wie unterschiedliche wir auf das Rad steigen. Auch hier bauen wir eine Steigerung ein. Erst steigt Micha mit Hilfe aus dem Publikum aufs Rad, dann ich alleine. „Wie kommt man auf so ein Rad?“ ist meist gestellte Frage. Wir beantworten sie gleich zwei mal. Danach jonglieren wir auf den Rädern.

Wichtig fürs Geldverdienen auf der Straße: Die Moneyline (Der Spruch mit dem man die Zuschauer auffordert Geld in den Hut zu werfen) kommt immer vor dem Finale. Denn da ist die Spannung am Größten.

Sind sie nicht süß?

Wie bekommst Du Publikum auf der Straße?

Michael Liermann: In dem man Interesse weckt z.B. mit seinem Kostüm, Requisiten (was baust du auf) oder kurz jonglieren. Die Leute sehen das und wollen mehr wissen. Du kannst auch mit den Leuten auf der Strasse spielen. Imitiere und veräppele sie oder leg dich vor ihnen auf den Weg.

Man kann auch Tricks zeigen wie 6 Keulen auf dem Rücken jonglieren um klar zumachen: „Hier passiert gleich was.“ Am Anfang muss man Leute bekommen damit noch mehr Publikum kommt. Man versucht das Publikum zu Applaus zu bewegen, ist allgemein laut oder spielt Musik. Menschen ziehen Menschen an.

 Was ist mit „Freiwilligen“ zu beachten?

Michael Liermann: Die Kunst ist eine Balance zu finden zwischen Bloßstellung und Höflichkeit.

Problem bei zu höflich: Es ist nicht interessant.

Problem bei zu hart: Die Person fühlt sich angegriffen, macht nicht richtig mit oder es kommt zur Totalverweigerung. Das führt zu einem Sympathieverlust.

Die ersten „Freiwilligen“ sollte man tendenziell höflicher behandeln oder am Ende gut davon kommen lassen. Besonders wenn man später in der Show noch Freiwillige benötigt.  (lacht)

Interessant ist die Grenze zu finden wie weit man gehen kann. Durch Routine und viel Spielen bekommt man ein Gefühl dafür.  Es ist immer ein Risiko. Aber das erhält den Spaß an der Show und gibt die Chance immer anders zu spielen.

Letztendlich sollen sich alle gut fühlen und die Freiwilligen mit dem Gefühl gehen „Wir haben gerade einen guten Spaß gemacht.“ Das ist auch für den Hut wichtig.

Micha und Micha haben früher Sportfechten betrieben und kennen sich mit dem Degen aus

Hier haben Opus Furore alles richtig gemacht

In welchem Verhältnis steht „Skill“(technische Fertigkeiten) und „Show“?

Michael Liermann: Für Gala und Varieté zählt skill. Viel, Höher, Weiter, Mehr.

Wenn du Technik in die Show packst dann muss die sitzen. Egal ob das 3, 6 oder 20 Keulen sind mit denen du jonglierst.

Für Straße bringt „nur skill“ keine Punkte, weil du Einflüsse von außen hast, die du nicht beeinflussen kannst aber darauf regieren musst. Z.B. wenn auf den Punkt choreografiert ist und das wegen Unterbrechung nicht klappt. Da muss du improvisieren können.

Nimm die Tricks, die einen großen Effekt beim Publikum erzeugen. Wenn Du mit Diablo spielst, dann ist es ungeschickt wenn du das Ding nicht 30 Meter in die Luft wirfst. Das ist technisch nicht schwierig aber gibt ein schönes „OHHH“. Die Tricks müssen nicht schwierig sein, sie müssen schwierig aussehen!

Was hast Du bei „Auf der Strasse spielen“ gelernt?

Michael Liermann: Spontan auf unvorhergesehene Situation zu reagieren. Eine starke Bühnenpräsenz und mit sehr hoher Energie zu spielen.

Wann sind die besten Tageszeiten für Straßenshows?

Michael Liermann jongliert mir Feuer

Michael Liermann jongliert mir Feuer

Michael Liermann: Tendenziell am Nachmittag zwischen 16 oder 18 Uhr. Keine Mittagspause oder wenn die Leute einkaufen wollen und mit den Gedanken woanders sind.

Fußgängerfrequenz ist wichtig. Es gibt eine Faustregel an der ich mich orientiere: „Wenn innerhalb von 2 Minuten keine 50 Leute vorbeigehen brauchst du gar nicht anzufangen.

Welche Tipps kannst Du Beginnern geben?

Michael Liermann: Der Zuschauer muss an jeder beliebigen Stelle der Show Zugang finden.

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Besucht die Seite von Opus Furore und bucht die Show der beiden. Ich kann sie jedem Veranstalter empfehlen.

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