3VIEW – die drei Filmtipps der Woche
[ Metropolis · 13 Assassins · Chungking Express ]

3VIEW - die drei Filmtipps der Woche
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Ich bin Rocco, 29, Cineast. In dieser Rubrik werde ich Filme empfehlen. Keinen Mist. Tolle Filme. Einzigartige Filme. Filme, für die es sich lohnt, Zeit und Geld zu investieren. Filme, die im Gedächtnis bleiben, die sich tief ins Herz eingraben. Filme, die herausfordern, die an die Grenzen gehen, Grenzen überschreiten. Ich wiederhole: keinen Mist. Zeit ist zu kostbar, um sie für Industrieabfall zu verschwenden. Die Auswahl werde ich knapp halten: Ein aktueller Kino-, ein frischer Heimkino- und ein zeitloser Geheimtipp pro Woche. Stets höchst subjektiv, oft aus dem Bauch heraus. Könnt ihr zustimmen, müsst ihr nicht. Lobt, tadelt, kommentiert und diskutiert. Ich freue mich auf euer Feedback und wünsche eine spannende Entdeckungsreise.

 

Kinotipp: Metropolis (restaurierte Fassung von 2010)

Land / Jahr / Länge: Deutschland / 1927 / 152 Minuten
Regie: Fritz Lang
Darsteller: Brigitte Helm, Alfred Abel, Gustav Fröhlich, Rudolf Klein-Rogge, Fritz Rasp, Theodor Loos

Metroccolis, das ist der Name der Pantomime-Compagnie, die ich seit 2005 zusammen mit Stefan Wabner – dem Herren über Kunst und so – führe. Dabei ist natürlich ersichtlich, wer Namenspate war. Großes Kino ohne Worte. Der wohl gigantischste deutsche Film aller Zeiten: Metropolis. Über den Film selbst muss man eigentlich keine Worte mehr verlieren (alles Wichtige bei Onkel Wiki). Weltkulturerbe. Monument. Meilenstein. Klar, Kritiker reiben sich gern am naiven Inhalt. Mir absolut egal. Was Fritz Lang und sein Team 1926 (!!!) geschaffen haben, ist in Bild, Ton, Design, Ausstattung und Effekten heute noch durchweg atemberaubend. 2001 erschien eine unglaublich liebevoll restaurierte Fassung mitsamt neu eingespieltem Originalsoundtrack. Leider fehlten immer noch viele Szenen der ursprünglichen Fassung, welche man jedoch durch erklärende Texttafeln ersetzt hatte, was sogar ziemlich gut funktionierte. Nun aber wurde in einem argentinischen Filmmuseum eine durch die Zeit leider stark beschädigte Filmrolle entdeckt, mithilfe derer die noch fehlenden Szenen in den Film eingefügt werden konnten. Feierliche Premiere war auf der Berlinale 2010 mitsamt Live-Ausstrahlung in HD auf Arte. Ich saß zum drölfundzwanzigsten Mal davor, gebannt und verzaubert wie ein kleiner Junge. Kino für die Sinne. Kino für die Ewigkeit. Die Leinwand kann dabei nicht groß genug sein. Umso schöner, dass diese komplette Fassung nun noch einmal in die Lichtspielhäuser kommt. Ich gehe wieder hin. Und ich bitte euch, tut’s auch. Denn selbst, wenn hier schon ein paar Mal das Wort Pflichtfilm fiel, dieser ist noch pflichtiger. Und direkt eine Empfehlung hinterher: 2002 entstand auch ein mit Preisen ausgezeichnetes Metropolis-Hörspiel (Amazon), das ich sogar noch öfter gehört habe als den Film gesehen. Auditiver Orgasmus. Das beste, wo gibt. Pflicht again.

Trailer:

 

Heimkinotipp: 13 Assassins

Originaltitel: Jûsan-nin no shikaku
Land / Jahr / Länge: Japan / 2010 / 141 Minuten
Regie: Takashi Miike
Darsteller: Kôji Yakusho, Takayuki Yamada, Yûsuke Iseya, Gorô Inagaki, Masachika Ichimura, Mikijiro Hira

Takashi Miike, der wohl umtriebigste und kreativste japanische Filmemacher hat nach brillianten und total verrückten Meilensteinen wie Audition, Visitor Q, Ichi the Killer und Gozu schon sehr lange keinen wirklich grandiosen Film mehr abgeliefert. Mit dem Remake 13 Assassins (Amazon Blu-ray / DVD) ist er jedoch endlich zurück und doch ganz anders, als man erwartet. Das Cinemascope-Bild ist ruhig. Der Film nimmt sich Zeit, das Setting und die Charaktere sind klassisch. Überdrehtheit erwartet man hier vergebens. Und das ist gut. Statt sich abermals in Verrücktheit überbieten zu wollen, hat er hier einen zeitlosen Epos geschaffen, der sich entspannt auf Augenhöhe mit Akira Kurosawa’s Die sieben Samurai stellt. Das feudale Japan im 19. Jahrhundert. Die ruhmreiche Zeit der Samurai ist schon am ausklingen. Ein sadistischer junger Lord ignoriert alle Regeln und Tugenden und mordet sich seine Macht ausnutzend blind durch das Land. Doch eine Gruppe von 13 ehrenvollen Kämpfern findet sich zusammen, um diesen Tyrannen mit einem wohldurchdachten, aber dennoch aussichtslosen Plan zu stoppen. 13 Männer, die sich zumeist aus sehr persönlichen Gründen in einer letzten Schlacht einer 200 Mann starken Privatarmee stellen. Der Film ist dabei stark zweigeteilt. In der ersten, ruhigeren Hälfte werden uns die Charaktere vorgestellt, ein bunter Trupp, oft liebenswürdig. Einige wachsen uns dabei sehr ans Herz. Eine Art A-Team der Shogun-Ära. Sympathisch, verschroben, voller Eifer und Leidenschaft. In der zweiten Hälfte beobachten wir in einer scheinbar ewigen und perfekt inszenierten Actionsequenz, wie einer nach dem anderen seinen letzten Schwerthieb ansetzt. Das überwältigt, das geht nahe. Und so sitzt man da, die Kinnlade im Anschlag. Und wenn der Abspann läuft, weiß man einmal mehr, wofür das Kino erfunden wurde. Klassiker.

Trailer:

 

Geheimtipp: Chungking Express

Originaltitel: Chung Hing sam lam
Land / Jahr / Länge: Hongkong / 1994 / 102 Minuten
Regie: Wong Kar Wai
Darsteller: Brigitte Lin, Tony Leung Chiu Wai, Faye Wong, Takeshi Kaneshiro, Valerie Chow, Chen Jinquan

Bleiben wir ins Asien. Gehen wir von Japan nach Hongkong. Drehen wir die Farben und den Sound bis zum Anschlag auf. Budget ist alle, macht nix, wir ziehen mit der Handkamera los, durch das Hongkong der 90er Jahre. Die Stadt pulsiert. Wir lassen uns treiben von den Sinneseindrücken, den Klängen, den Gerüchen. Menschen überall. Man kommt sich nahe. Oft unbemerkt. Oft ungewollt. Kontakte für den Bruchteil einer Sekunde. Rempler. Blicke. Und hinter jeder Person steckt eine Geschichte, stecken Sehnsüchte, Vergangenheiten, Leidenschaften, vielleicht Gemeinsamkeiten. Doch die Zeit rennt weiter, das Leben wartet nicht, man bleibt allein. Chungking Express (Amazon) – ein früher Film vom großen Poeten des modernen Kinos – Wong Kar Wai – entführt uns für einen kurzen Moment in das Leben von vier Menschen. Zwei einzigartige Liebesgeschichten über Suchende. Unendlich zeitlos. Wir fühlen mit, wir leiden mit und wir lieben mit. Ein melancholischer Film. Ein Wohlfühlfilm. Und das Gehirn muss nicht – wie bei (nennen wir es mal) Liebesfilmen gern üblich – ausgeschaltet werden. Es passiert nicht viel. Muss auch nicht. Denn was passiert, ist so menschlich, so detailverliebt, so herzerfrischend und -zerreißend, dass man am liebsten durch die Leinwand steigen möchte, einfach nur, um noch näher dabei zu sein. Beide Geschichten sind wunderschön, die zweite dabei noch intensiver als die erste. Und die urprünglich als dritte geplante Story hat es dann sogar zum eigenständigen und ebenfalls grandiosen Film geschafft: Fallen Angels (Amazon). Aber nicht so schnell. Erst einmal Chungking Express entdecken und miterleben, dass Zeit und Raum wirklich relativ sind, wenn es um echte Gefühle geht.

Trailer:

 

Und schwupps, sind wir auch schon wieder am Ende. Schöne Mischung. Klassisch, kämpferisch und hoch emotional. Viel Spaß mit dieser Wundertüte, greift mit beiden Händen rein und genießt in vollen Zügen. Jetzt gucken erstmal alle Filmfanaugen nach Cannes. Und auch, wenn ich nicht selbst dort bin, werde ich meine Fühler weit ausstrecken und alle erdenklichen Quellen anzapfen, auf dass die besten Filme auch irgendwann hier ihren wohlverdienten Platz finden. Das Line-up ist zumindest sehr lecker. Für eine aktuelle Berichterstattung von der Croisette empfehle ich den Spezial-Blog meiner geschätzen Kollegen von kino-zeit.de. Und hier erwarte ich euch kommenden Donnerstag wieder. Bis dahin, danke für die Aufmerksamkeit, euer 3VIEWer Rocco.

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2 Replies to 3VIEW – die drei Filmtipps der Woche
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  1. Das Metroccolis Hörspiel ist auch für mich das beste, das ich jemals gehört habe. Sehr intensiv!

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  1. Besucherzahlen und Blogeinnahmen im Mai 2011 > Kunst und so.

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